Midterms und die erste Erkältung
Eigentlich reicht die Überschrift schon, denn ansonsten zieht sich der Alltag gleichförmig durch mein Studentenleben. Zwar gleicht kein Tag dem anderen. Gerade eben zum Beispiel war Feueralarm im Wohnheim, und keiner kann sagen, ob es ein echter war—die Tatsache, dass wir nach zehn Minuten unprotokolliert zurück durften, entkräftigt all die apokalyptischen Botschaften aus der Lautsprecheranlage.
Dennoch hat sich genug Routine eingespielt, um einen durchschnittlichen Wochentag getreu wiedergeben zu können.
Zum Beispiel einen Mittwoch (mein mittelfristiges Ereignis-Gedächtnis ist so löchrig, dass mir die Erinnerung an heute Vormittag schon schwer genug fällt):
07:00 Ein schwedischer Handyproduzent erfreut mich mit seinem lieblichen Standard-Weckton.
07:30 Ich entscheide mich für das Leben (wie jeden Morgen in den letzten 14 Jahren). Das Badezimmerchen ist zwar unbelüftet und tropisch, das Duschwasser aber nie launisch.
08:00 Meteorologische Analysen und Versuche, etwas Ordnung ins Zimmer zu bringen. Sachen packen.
08:15 Auf zum Frühstück.
08:45 Auf zum Fahrradkeller!
08:50 Sheeesh. Meteorologische Analysen vom Fenster aus sind temperaturtechnisch so unzuverlässig. Naja, den Weg werd ich überleben.
09:10 CIV Tutorial. Wir spannen Aluminiumlatten zwischen Personenwaagen und Gewindeblöcke und erkunden die Welt der Knickspannung. CIV ist nach wie vor mein Lieblingskurs.
12:00 Mittagspause für eine Stunde. Ich folge der Herde, die sich in Richtung SUDS schiebt, dem wahrscheinlich ungemütlichsten Ort Torontos (nicht mein Bild, aber ein guter Eindruck von der Atmosphäre). SUDS ist der zentrale Kellerbereich eines der Engineering-Gebäude und Treffpunkt, Hausaufgabenschwarzmarkt, Sitzgelegenheit, Fastfooderwerbsstelle und freitagabends auch Alkoholausschank für all die, die wirklich kein Leben haben.
13:10 ESC Lecture im Blue Room. Totlangweilig dank Dörwaldt
14:10 Calculus Lecture, ebenfalls im Blue Room. Mathematisch verzichtbar dank Dörwaldt, aber dann doch nicht so verzichtbar angesichts der Klausur nächster Woche, denn Professor S. ist anal was Beweise angeht. Erst recht, wenn die Dinge so trivial liegen, dass ein Beweis unmöglich scheint.
15:10 Physics Lecture in MP 102. Die exquisite Mischung von Charisma und Eloquenz unserer illustren Rednerin habe ich erwähnt. Thema heute: Federn und Pendel. Mindestens zwei andere Professoren setzen Kenntnis über diese Formeln sinnvollerweise voraus, sie erklärt umso ungestörter.
16:10 Computer Science Lecture in Bahen 1200. Hätte ich mal wieder schwänzen können, aber so langsam nimmt der Kurs an Fahrt zu, und am 22. schreibe ich eine Klausur. Sicher ist sicher.
17:20 Zurück in Chestnut. Es ist wirklich verflixt kühl geworden in drei Wochen, und dabei scheint die Sonne doch so schön. An sämtliche Türen meiner Nachbarn klopfen und alle zum Abendessen zusammentrommeln.
18:00 Homework Time!
Oder, in diesem Fall, erstmal Blog Time. Und Procrastination Time! (Englisch ist eine tolle Sprache. So schöne lateinische Wörter für miese Menschlichkeiten)
Die erste Erkältung, die die Überschrift andeutet, erwischte mich letzten Freitagabend. Samstags nur laufende Nase, sonntags (Canadian Thanksgiving!) absolut fertig. So fertig, dass ich Franzi, anstatt ihr für Montag abzusagen, eine halbe SMS mit den Worten »but pensßt alt u.des.« geschickt habe, danach (d.h. währenddessen) eingeschlafen bin und meinen Fehler (»pensßt« falsch dekliniert!) erst bemerkte als ihre verwirrte Antwort zurückkam.
Achso, ja; völlig vergessen: Montag (vor zwei Tagen) war Franzi nämlich mit Familie die Niagarafälle besuchen, und ich sollte im Greyhound vorbeikommen—ist ja nur zwei Stunden von hier. Hätte auch geklappt, denn wegen Thanksgiving ist der folgende Montag Verdauungsfeiertag. Aber wie gesagt: Ich war ernsthaft krank. Nach der Korrektur-SMS bin ich für 15 Stunden ins Koma gefallen; seit gestern bin ich aber wieder topfit.
Ich muss mich wirklich zwingen, Bilder zu machen. Wenn ihr Wünsche habt, lasst es mich wissen. (Sogar Nacktfotos sind kein Problem, der Blog lässt Passwortschutz zu. Aber keine von mir.) Wenn ihr keine Wünsche habt, lege ich euch erstmal Google Street View ans Herz, das seit letzter Woche für Toronto in atemberaubender Auflösung verfügbar ist (und tagelang Topthema der Boulevardpresse war).
Es gibt so viel zu berichten, aber kaum etwas ist einen ganzen Blogeintrag wert, und blogging zählt nicht als Procrastination, sondern als Homework. Sinnverwandte Fakten und Anekdoten müssen sich also anhäufen, bis ich sie zu Listen kompilieren kann (»10 Torontonische Verhaltensregeln für den Straßenverkehr«, »How to not do laundry« etc.).
Homework Time wartet … ach, und Bettwäsche auch.
P.S.: Manche haben beklagt, ich sei selten online. Das liegt einerseits an der Zeitverschiebung von sechs Stunden. Wenn Procrastination Time anfängt, geht ihr gerade schlafen. Der zweite Grund findet sich darin, dass Instant Messaging nicht die Kommunikationsform der Wahl ist, sondern SMS. Letzte Woche noch musste ich mein Handyvertrag für zusätzliche fünf Dollar mit »unlimited texting« adeln, aus Kostengründen. Hätte ich nie gemacht zuhause, denn SMS sind aufdringlicher als das Internet, unpersönlicher als ein Anruf und ineffizienter als beide, was Kosten und Geschwindigkeit angeht. Aber sie haben Vorteile: Vor fünf sind nur Artsies zuhause am Computer, aber ein Physikhörsaal macht zusätzliche Unterhaltung nicht nur möglich, sondern gelegentlich auch nötig. Und: Zumindest diejenigen ohne Flatrate denken nach, bevor sie schreiben.
15. Oktober 2009 um 4:48 am Uhr
Schön dass du dem Alltag noch was abgewinnen hast und es am Ende sogar noch interessant zu lesen machst
Wie kalt ist es mittlerweile bei euch? (Hier ist noch T-Shirt-Time, auch wenn’s gestern erstmal ordentlich abgeregnet hat)
15. Oktober 2009 um 5:49 am Uhr
Ich hab weder eine Ahnung noch ein Thermometer; Google sagt 5 °C
15. Oktober 2009 um 5:12 pm Uhr
Schön geschrieben! xD
Also deine SMS war schon klasse, die arme Franzi
Ich sitze grade an meinen Mathe-Aufgaben und muss ehrlich sagen da bringt mir meine Schulmathematik rein gar nichts =/
Viele Grüße, bis hoffentlich bald
18. Oktober 2009 um 11:39 pm Uhr
Lieber Batte,
das sieht ja alles sehr nach geregeltem Studentenalltag aus. Das freut natürlich das besorgte Mutterherz.
Bei uns ging es übrigens die letzte Woche ferienbedingt weit weniger geregelt zu.
Wie sieht das denn bei dir mit den Wochenenden aus? Ist dein Zimmernachbar an den Wochenende auch da? Oder fährt er zurück zu seiner Familie?
Samstags morgens ist Chor, das hast du schon geschrieben, aber was läuft denn sonst noch so an den Wochenenden. Hast du schon Ausflüge gemacht? Wenn ja, wohin?
Steht eine Chorreise an?
Interessant finde ich die kanadische Leidenschaft für SMS. Ich mag SMS überhaupt nicht, weil ich zum einen ewig lange brauche, bis ich die notwendige Info per Telefontastatur eingegeben habe, und zum anderen weiß ich nie genau, wann und ob meine SMS auch tatsächlich bei dem Empfänger ankommt.
Da lobe ich doch das gute alte Telefon, eine kurze mail oder eine Eintrag im Blog (oder heißt es “das blog” ?)
Wenn es bei euch jetzt so kalt wird – wie sieht es mit einer neuen Winterjacke aus? Bist du schon fündig geworden? Martin hat sich sehr über die – hier von dir vergessene schwarze – Winterjacke gefreut. Er hat sie auch zweimal mit Erfolg in der Schule getragen. Dann war sie in der Schule nicht mehr auffindbar. Deine schwarze Jacke hat also offenbar erneut den Besitzer gewechselt. Such is life.
Weitere Neuigkeiten gibt es hier wenig. Es läuft alles seinen mehr oder weniger normalen Gang.
Daher für heute viele liebe Grüße
Mama
21. Oktober 2009 um 11:39 pm Uhr
Brüderchen
Gestern ist deine SIM-Karte angekommen, viel dank. Wobei ich eigentlich auch nicht so viel mit ihr anfangen kann ohne FreiSMS. Sie ist jetzt in dem alten Panasonichandy und wird von jedem genutzt der telefonieren will.
Ich frage mich wer den wohl genommen hat.
Ich wurde letztens beschuldigt den Shishatabak aus der Dose geklaut zu haben.
Liebste Grüße
27. Oktober 2009 um 4:48 pm Uhr
Lieber Sebastian. Wir sind gerade von einer “3-Generationen-Reise” aus Kreta zurück. Wir waren zu neun Leuten:Bernd und Familie nebst Nele,andere Omi von Klara, Peter und Familie und Opa und ich.Es war wunderschön, sonnig, warm und ein ganz außerordentliches und ungewöhnliches Kretisches Haus für 12 Personen. Toll! Der Rückflug war allerdings etwas aufregend. Zwei Stunden nach der eigentlichen Abfahrtszeit kam die Durchsage: Im Flieger ist ein Sensor defekt. Ersatzteil wird von Frankfurt gebracht. Alle 300 Leute wurden in Bussen zu sehr guten Hotels gebracht und erfuhren am nächsten Morgen nach einem fürstlichen Frühstücksbuffet, dass unser Flieger wieder ok. sei und um 12 Uhr startet. Hinzu kam die Zeitumstellung, sowohl in Kreta als auch in Deutschland, sodass Klara, die am 25.10. ihren 11 Geburtstag hatte buchstäblich 26 Stunden gefeiert hat.Schon im Bus zu den Hotels (12 Uhr nachts) wurde ihr ein Ständchen gebracht. Sie durfte einen Blick ins Cockpit werfen und ihr wurde vieles erklärt.Abschluss war dann (wieder in Köln zurück) Geburtstagskaffe mit allen neun bei Bernd zuhause. Ja, wenn einer eine Reise tut! Nun braucht man eigentlich 10 Hände um alles wieder in die gewohnte Ordnung zu bringen.Opa hat heute schon mal ein wenig im Garten gearbeitet. Das Laub liegt meterhoch ! Kalt finden wir es natürlich hier auch. Immerhin mindestens 10° kälter als in Kreta.
Erst jetzt haben wir im Blog nachgeschaut und freuen uns sehr über Deinen Bericht. Gut, dass Die Erkältung vorüber ist. Bitte, kaufe Dir eine warme Jacke!! Ich fange hier schon an zu bibbern, wenn ich daran denke, dass Du im Sommerdress dort herumläufst. Vorerst bis bald, alles Liebe und bleib behütet, Ama und Opa.