Kurzupdate zwischen Bücherstapeln

Kosch
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Salve, Rheinland! Es ist halb eins nachts und mein Schreibtisch gleicht einer Tornadospur. Eigentlich sollte ich gerade auf irgendeiner Party sein. Zwei hatte ich eigentlich zur Auswahl, aber durch wirklich schlechtmöglichste Verquickung ganz mieser Umstände bin ich jetzt auf keiner. Ich hätte noch mit dem Pulk ziehen können, der das Wohnheim vor etwa einer halben Stunde grölend verlassen hat, aber a) hätte ich deren Schall- und Blutalkoholpegel so schnell nie aufholen können, b) ist es seit gestern recht kühl und ich hab ja meine Jacke zuhause vergessen und c) hat mich mein Gewissen ganz böse auf dem falschen Fuß erwischt.

Denn ich hab verflixt viel zu tun. Das ist nicht nur einfach ein Grund, mal eben zwei Wochen das Blog zu schwänzen, sondern nebenbei auch ganz ernst gemeint. Um das zu belegen: Ich benutze ein Kalender/Notizbuch, und zwar aus handfester Zellulose. Ich wäre verloren ohne das Ding, und wer mit mir zur Schule gegangen ist, weiß dass ich Zeitmanagement bislang nicht so ernst genommen hab. (Papier sparen, eh?)
Auszug für Friday, 25th:

1500 Melissa/2000 Mississauga, txt Lia?
do ewa phys again with 9.80 (textbook values). Get Lab material
Upload Praxis material, pics
Check Calculus Questions, delta-epsilon
Prove Additive Limit Theorem
Class Rep elections, SUDS?

Um erstmal klarzustellen was ich für Kurse besuche:

MAT194 — Calculus
Differential- und Integralrechnung. Geht nicht weiter als ein 12er-Dörwaldtkurs, aber tiefer. Jeder kleiner Mist muss »rigorously« bewiesen werden. Man muss Mathe schon echt mögen, um da Spaß dran zu haben. (Mein Spaß hält sich in engen Grenzen.) Aber das gehört dazu, ich würde es nicht anders wollen.

ESC103 — Engineering Computations
Ein Kurs über Vektoren, Matrizen und vielen Textaufgaben aus allen möglichen technischen Bereichen. Anwendung von Matlab, einer etwas komfortableren Version des Windows-Taschenrechners. (Ich kann das über SSH zuhause am Laptop benutzen und meine Physikhausaufgaben in Sekundenschnelle lösen. Lassen. Awesome!)

ESC101 — Praxis/Engineering Design
Es geht um den Arbeitsalltag eines Ingenieurs, um Workflow, Lernzyklen, Dokumentation, Nachhaltigkeit, Kommunikation, aber auch um das Auseinandernehmen von Haushaltsgeräten und dem Entwurf cooler Apparate für Alltagsprobleme. Der Kurs ist halb Englischkurs (viel Writing, Metacognition, Arguing) und halb Bastelei. Diese Elemente lassen sich oft nur schlecht vereinen, und ich habe über das Blog des Kurses (ja, der Kurs hat ein Blog) schon viele Seiten Diskussionen mit meinem Professor über Struktur und Zweck des Kurses geführt. Ich liebe es, Essays auf Englisch zu schreiben, und obwohl die Auseinandersetzungen gnadenlos sind, beweisen sie doch zwei Dinge: Erstens, die Profs und Tutoren kümmern sich um ihre Studenten. Einige der seitenlangen (Streit-)schriften hat er mitten in der Nacht verfasst, mit dem Kommentar, er müsse meine Gedanken jetzt einfach kommentieren. Zweitens, der Kerl ist unglaublich clever. Das geschieht alles in »good spirit«, und indem er mich zum Argumentieren bringt, hat er sein Ziel als Englischlehrer ja auch irgendwie erreicht.
Der unwissenschaftlichste und bei weitem verwirrendste Kurs, aber auch der interessanteste.

CIV102 — Structures and Materials
Der Präfix CIV bedeutet, dass es ein Kurs aus dem Department of Civil Engineering ist, sich also mit Bauingenieurwesen befasst. Es dreht sich alles um den genialen Professor Collins. Von silbernem Haar und sehr alter Schule (»Chalk and Talk«, wie er es liebevoll selbst nennt), ist der alte Mann mit neuseeländischen Wurzeln weit bekannt und respektiert. Er spricht ein präzises, bedachtes und niveauvolles Englisch und bringt in jede seiner Vorlesungen irgendetwas mit. Anfangs einen Rohrstock, um die Vorteile von Chalk and Talk aufzuzeigen (man kann klingelnde Handys damit stilllegen!). Dann ein langes gelbes Seil, um zu erklären, warum man an Seilen nur ziehen, nicht drücken kann. Dann wieder ein Stapel antiquierter Bücher und Zeichnungen, um die gewaltigen Leistungen der römischen Kriegsherren und Ingenieure zu preisen. Ansonsten beschäftigt er uns mit Hängebrücken und Elastizitätsmodulen.

PHY180 — Classical Mechanics
Dr. Natalia K. ist eine herzensgute Person. Aber sie kommt aus dem tiefen Osten. Ihr Akzent, zusammen mit ihrer quakend-krächzigen Stimme, die sie nur von einem Raben geerbt haben kann, macht sie deshalb zum Opfer ständigen Gekichers aus 150 Mündern während ihrer Vorlesungen. Oder zum sofortigen Fokus allen Hasses, wenn etwas mal ein bisschen schwieriger ist. Wichtiger Teil des Kurses sind sechs »Labs«, Versuche, die man zu zweit durchführen und in Protokollform einreichen soll. Es geht dabei wohl weniger um den vorhersehbaren, newton’schen Kinematik-Quatsch als um das Prozedere eines wissenschaftlichen Versuchs — mit elektronischer Massendatenauswertung und Fehleranalyse mit allen statistisch möglichen Mitteln (danke, Mathe-LK!)

CSC192 — Algorithms and Data Structures
Der Fortgeschrittenenkurs übers Programmieren in C/C++. Zum Glück kann ich das schon. Deshalb kann ich mir gestatten, die einschläfernden Vorlesungen und Tutorien gelegentlich sausen zu lassen und die Zeit für andere Hausaufgaben zu nutzen. Außerdem hat der Fortgeschrittenenkurs gegenüber dem Anfängerkurs den Vorteil, nur ein Semester zu dauern. Das ermöglicht mir, im Januar ein Semester Psychologie zu belegen. Yay!

Was gibt es sonst noch neues? Ich hab ein Fahrrad, dessen Reifen ich schon flicken musste. Fahrräder sind sehr populär in Toronto, ich würde sagen, doppelt so häufig wie in Köln. Liegt vielleicht an den vielen Asiaten, die das als Gewohnheit von zuhause mitgebracht haben … man weiß es nicht. Ich habe endlich eine SIM-Karte für mein Handy mit wirklich akzeptablen Konditionen. Ich habe endlich ein Bankkonto. Ich würde gerne über die vielen Kleinigkeiten des Alltags berichten, aber dafür fehlt mir momentan tatsächlich die Muße.

Außerdem bin ich schon im Halbschlaf. Und morgen muss ich früh raus, denn mein neuer Chor »Onoscatopoeia«, kurz OScat, probt zweimal wöchentlich; das zweite Mal ist samstagmorgens um zehn. OScat ist der Jazzchor der Uni, 24 Sänger, und der Wettbewerb um die Plätze ist hart. Um so epischer,* dass ich genommen wurde; die 24 sind allesamt genialer Musiker, die locker vom Blatt singen. Bisher hat es eine Probe gegeben, und wir haben bewältigt, wofür der Altenforst-Chor bestimmt zwei Monate brauchen würde (nichts für Ungut, ich mag den Altenforst-Chor natürlich immer noch). Ich bin wirklich begeistert!

Ansonsten: Die Leute sind super und zahlreich, und mein Roommate und meine Nachbarn gehören zweifelsohne zu den Besten davon. Ich hatte außerdem erwartet, wie beim letzten Mal sprachliche Heureka-Momente zu erleben (»Yay, ich hab gestern Nacht auf Englisch geträumt!«). Das ist nicht der Fall. Mein Englisch war innerhalb von zwei Tagen auf dem gleichen Level wie damals, und ich denke abwechselnd auf Deutsch und Englisch, je nach dem, wie es gerade passt. In der Tat scheint sich nur mein Akzent verbessert zu haben, da ich auch bewusst dran arbeite. Wenn ich erkläre, dass ich aus Deutschland bin, schauen viele verwundert und fragen mich, ob ich denn auch Deutsch könnte. :-) Nur die, die mich länger kennen, attestieren mir gelegentlich Fehler in der Betonung.

Nora hat übrigens einen exzellenten Artikel über das Großstadtleben in Toronto geschrieben; wenn ihr ihn noch nicht gelesen habt, er ergänzt meinen knappen Bericht sehr gut, auch wenn ich sie seit einem Monat nicht gesehen hab. Inzwischen (hab zwischendurch zwei Stunden mit meiner Nachbarin gechillt) ist es Viertel nach drei. Das Wochenende wird grauenvoll. Wenn ihr mehr wissen wollt, fragt bitte in den Comments nach; ich hoffe ich kann sie bald beantworten. (Vielen Dank übrigens für die lieben Grüße in den Letzten, ich hoffe dieses Lebenszeichen entschädigt etwas für mein Nicht-Antworten)
* um ein sehr schönes Wort zu verwenden, das seinen Weg als »epic« aus der amerikanischen Jugendsprache in die deutsche gefunden hat und in etwa gleichauf mit »legendary« ist, aber offensichtlich von anderem Niveau als »awesome«, »sick« oder »wicked«. Metaphorik geht über Originalsemantik.


3 Kommentare zu “Kurzupdate zwischen Bücherstapeln”

  • Ama Says:

    Lieber Batte. Vielen Dank für diesen interessanten langen Bericht, den Du in tiefer Nacht noch verfasst hast. Wir hatten zwar schon Nachricht aus Spich und wußten schon dass es Dir gut ergeht und wir uns keine Sorgen zu machen brauchen. Als Großmutter denkt man dann nur, hat der Junge auch genug Schlaf, wenn er die Nacht zum Tag macht. Aber das Problem wird sich bestimmt sozusagen von Natur aus lösen.Je nach Kondition früher oder später.
    Heute war hier in Old Germany Bundestagswahl. Ich habe gerade die letzte Hochrechnung gesehen und gehört. Schwarz-Gelb hat eine gute Mehrheit und Frau Merkel wird Kanzlerin bleiben.Die große Koalition ist damit vorbei. Morgen wird das sicher auch in Eurer Zeitung kurz berichtet werden, aber im Internet wirst Du es ja auch nachlesen können. Soviel für heute, bleib behütet! Deine Ama (und natürlich auch Opa, der noch vorm Fernseher sitzt.)

  • MamaKosch Says:

    Lieber Batte,

    der kanadische Studentenalltag scheint eingekehrt zu sein. Das ist gut so. Am besten gefällt mir übrigens der ESC 101 – Kurs.

    Ich habe einmal einen Physiker kennengelernt, der in der Forschung arbeitete und eigentlich nur in der zehnten Dimension zuhause war. Ein sehr netter Mensch, aber leider für die Probleme des täglichen Lebens völlig ungeeignet. Dieser arme Mensch, also, verzweifelte schier an der Tatsache, dass er von den meisten Leute, denen er erzählte, dass er Physiker sei, zunächst gebeten wurde, die defekte Waschmaschine oder den Fernseher zu reparieren. Dieser Physiker musste dann zugeben, noch nicht einmal eine Waschmaschine bedienen zu können, geschweigen denn dazu in der Lage zu sein, sie zu reparieren.
    Nach dem Besuch des ESC 101 Kurs wird für dich die Reparatur aller Haushaltsgeräte nun kein Problem mehr sein. Es lebe also das Ingenieurwesen!

    Bei uns ist übrigens auch Alltag eingekehrt. Katrin und Martin quälen sich noch mit dem Schreiben von Klassenarbeiten. Besserung ist aber in Sicht. Katrin geht nächste Woche auf Klassenfahrt nach Mecklenburg Vorpommern und anschließend sind für alle Herbstferien. Dann ist das erste Quartal des neuen Schuljahres schon wieder herum.
    Übrigens Katrin wird wahrscheinlich von Januar – Juni 2010 nach Christchurch gehen (und zwar in die gleiche Schule wie Caroline). Die Vorbereitungen laufen bereits.

    Das Wetter beginnt hier bereits herbstlich zu werden. Die Temperaturen sind noch mild, morgens beim Aufstehen ist es aber noch dunkel. Grrrr!

    Ama hat ja bereits von den Bundestag-Wahlergebnissen berichtet. FDP und CDU streiten sich momentan um die Marschroute der künftigen Koalition. Bei der SPD erwartet man nach dem sehr schlechten Wahlergebnis einen Generationenwechsel möglicherweise verbunden mit einem Linksrutsch.

    Wir werden sehen.

    Politik hin, Politik her, ich gehe jetzt erst einmal schlafen. Schließlich sind wir ja schon sechs Stunden weiter.
    Viele liebe Grüße aus dem Morgenland

    Mama

  • Sven Says:

    Das klingt alles sehr spannend und ich selbst kann es kaum erwarten, dass das Studentenleben bald auch bei mir Einzug hält.

    Freut mich, dass du auch schon einen Chor gefunden hast und auch sonst, dass du so viel Gefallen an deinem Studium findest.:)

    Es ist interessant zu sehen wie du, Chaotischster der Stufe (laut unserer Abizeitung), Ordnung in deine Tagesplanung einkehren lässt! :D

    Ich hoffe du bleibst weiterhin so motiviert bei der Sache.
    Bis hoffentlich bald und kaiserliche Grüße,
    Sven

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