Ein Zwölftel…

Tobias
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meines Aufenthalts ist schon vorbei und genau zwei Wochen ist mein letzter Eintrag her. Ich habe wieder mal einige verschiedene Dinge zu berichten; im Großen und Ganzen wäre “Alltag, die Zweite” ein ganz passabler Titel für diesen Beitrag, aber wenn ich die Geschehnisse mit dem vergleiche, was man allgemein als “Alltag” bezeichnet, ist es wohl doch etwas unalltäglicher :)

(Achtung, langer Text und nicht aufwendig gegengelesen. Sorry :) )

Die wichtigste Neuigkeit zuerst:

Ich bin tot.

Virtuell. In der Realität. Also, in einem Spiel, das in der Realität gespielt wird, nur mit virtuellem Tod (puh, kompliziert). Genauer geht es um “Assassins”, das gerade in meinem Haus gespielt wird.

Die grundsätzliche Spielidee: Jeder Spieler (“Assassin”) bekommt geheim den Namen eines anderen Mitspielers zugelost (“Zielperson”). Der besagte Mitspieler ist auch ein Assassin für irgendjemanden, und man selbst ist auch die Zielperson eines einem unbekannten Spielers (im Prinzip also eine Kette, die alle Spieler miteinander verbindet).

Ziel des Spiels ist natürlich, sein Opfer zu eliminieren (mit bestimmten Spielregeln). Schafft man das, bekommt man die Zielperson seines Opfers gesagt und muss dann Jagd auf diese machen. Dadurch werden immer weitere Spieler eliminiert, bis ein heldenhafter Assassin auf einem riesigen Haufen Opfer steht und heldenhafte Sachen fragt wie “Was kriegt man eigentlich fürs Gewinnen?”

Das Salz in der Suppe sind die Spielregeln, die wöchentlich variieren. In der ersten Woche waren es Wasserballons (und Küsse, seltsames Konzept in Zeiten der Schweinegrippe), in dieser Woche ist es seinem Opfer etwas anzubieten (z.B. eine Erdbeere – wenn er/sie sie nimmt, ist er/sie dahingeschieden) oder, die Rambovariante, sein Opfer mit Damenunterwäsche zu bewerfen.

Während man in der ersten Runde innerhalb des Hauses noch unverwundbar war, war es anfangs der zweiten Runde nicht mehr möglich, sich irgendwie durch intelligentes Verhalten zu schützen (ziemlich blöd für das Spiel). Das Ende des Liedes war, dass auf der Party am Freitag einfach alle möglichen Leute gestorben sind – unter anderem mein Opfer, meines Opfers Opfer, meines Opfers Opfers Opfer und schließlich ich selbst. Eine Assassine hier hat es geschafft, sage und schreibe zehn Leute an einem Abend auszuknipsen.

Mittlerweile hat die Spielleitung mitbekommen, dass das garnicht so gut fürs Spiel ist, wenn es zu einfach ist, sein Opfer zu erwischen und hat als “Zusatzregel” gestern eingeführt, dass man sich Unterwäsche über den Kopf ziehen kann, um immun zu sein. Leider zu spät für mich, aber was soll’s.

Lustig ist, dass es hier eine Person gibt, die immer mit Tarnkleidung und einem Beret auf dem Kopf herumläuft (ich denke da ja an Identitätsprobleme, aber ist ja ein freies Land) und auch bei Assassins mitspielt. Eine Freundin von mir hatte die Ehre, seine Zielperson zu sein, was dann darauf hinauslief, dass sie mehrmals vor seinen Wasserbombenattacken über den Campus fliehen musste. Schließlich führte folgende Konversation zu ihrem bitteren Ende:

Er: “Hey, es tut mir leid dass ich dich neulich über die Straße gejagt habe. Das war gefährlich und ich wollte das nicht. Ich hab dir deine Post und ein paar Süßigkeiten als Entschädigung mitgebracht”

Sie: “Danke”

Er: “Du bist tot.”

Sie: *Geräusch von Hand, die gegen Kopf klatscht*

So schnell kann’s gehen.

Freizeitpark Cloyne Court

Man sieht schon, dass es hier im Haus eher nie langweilig wird. An den Wochenende bilden sich zahllose Grüppchen, die dann zu den Parties in der Umgebung aufbrechen oder sich im Haus beschäftigen (beliebt sind: Gitarre, Hula-Hoop, Tischfussball, Tischtennis, Basketball, Sauna, Jacuzzi, Kochen und tatsächlich auch manchmal: lernen). Schön ist auch dass es an vielen Abenden gegen 23:00 Uhr nochmal einen “Snack” gibt, was in den meisten Fällen irgendwas ist, was genauso lecker wie ungesund ist und einen dann um so mehr anspornt, mehr Sport zu machen.

Speaking of which: Der hiesige Lauftreff bietet täglich einen Lauf auf abwechslungsreichen Strecken an. Ich mochte ja den Lauftreff in Bonn, aber das hier ist auf jeden Fall der Traum eines jeden Hobbyläufers. Letzte Woche habe ich neben zwei anderen Läufen den “Saturday Long Run” (ca. 16km) vom Campus bis ans Ende des Piers am Berkeley Marina mitgemacht. Der Lauftreff macht auch Gruppenreisen zu diversen Sportveranstaltungen, und so plane ich, den Halbmarathon in den Humboldt Redwoods ca. 200 Meilen von hier im Oktober mitzulaufen. “Redwood” heißt übrigens “Mammutbaum” … :-)

Ansonsten bin ich mittlerweile bin ich unibedingt wieder dazu übergegangen, dann und wann der Verlockung zu widerstehen und NICHT auf die nächstbeste Party mitzugehen oder “eben mal” 12 Runden Tischtennis zu spielen. (Ich muss an dieser Stelle übrigens der irgendwie verbreiteten Meinung wiedersprechen, ich wäre nur am feiern. Mein Arbeitszeitniveau ist schon seit zwei Wochen wieder auf angemessener Höhe, wenn es auch noch mit der Effizienz hapert und in den folgenden drei Wochen dank Sibels Besuch bestimmt wieder etwas abflacht :-) ).

An dieser Stelle auch nochmal vielen Dank für all die Geburtstagsgrüße und -Karten aus Europa. Ich habe meinen Geburtstag ruhig und mit einem sehr reichhaltigen Sushi-Mittagessen angehen lassen und mir neben einigen Klamotten eine Kompaktkamera gegönnt, die ich eigentlich immer in der Tasche habe (sie sieht auch schon garnicht mehr neu aus, obwohl sie neu ist. Tollpatschigkeit sei Dank! Tatsächlich bin ich eher froh, dass sie noch funktioniert. Hab sie einmal recht böse fallen gelassen). Die Bildqualität ist für Parties und Schnappschüsse definitiv okay und HD-Videos aufnehmen kann sie auch (ich hoffe mal, bald eines hochgeladen zu bekommen).

Mittlerweile habe ich mich auch mit der Idee angefreundet, 22 (schauer) zu sein. Jetzt geht’s nur noch bergab (Vorteil: bergab fahren benötigt keinen Aufwand). Wenigstens bleibt mir noch die Genugtuung, dass die meisten Leute mich verwirrt anstarren, wenn ich sage, dass ich ein Grad (ein “Graduate”, also jemand der den Bachelor schon hat und jetzt einen Master bzw. einen Doktor macht) bin :-) .

Immerhin war ich vor meinem 22ten schon auf einer Frat Party (Frats sind die Studentenverbindungen, die hier tatsächlich wie im Klischee zahlreich vorhanden sind) und in einem Sorority House (Schwesternschaften, quasi das weibliche Gegenstück zu den Studentenschaften). Deren Häuser sind ziemlich beeindruckend, aber mir ist Cloyne dann doch lieber… werde aber bestimmt mal wieder auf einer Frat Party enden, kann durchaus sehr lustig sein.

Der Zahlungsverkehr

… hier in den Staaten hat seine Eigenheiten. Papierschecks sind noch absolut an der Tagesordnung und elektronische Überweisungen sind in weiten Gebieten noch unüblich. Das EC-System hier mit seinen Kredit- und Debitkarten ist davon gezeichnet, dass das Missbrauchspotential sehr hoch und die Banken dementsprechend paranoid sind (aber mal ehrlich: Wenn man ein System baut, bei dem es reicht, eine Kreditkarte zu klauen, um im Internet einen Darth Vader aus Platin in Auftrag zu geben, muss man sich nicht über Missbrauch wundern). Wie dem auch sei, worauf ich hinaus will, ist dass ich versucht habe meine Miete für dieses Semester zu bezahlen. Klingt nach keiner großen Sache, ist es eigentlich auch nicht. Das Büro der Studentenorganisation ist direkt hier in der Straße, und der Durchschnittsamerikaner geht da eben rüber, zieht seine Karte durch und ist fein raus. Versucht das der Durchschnittstobias, geht wieder mal alles schief: Die Karte wird abgelehnt, die Bank of America sperrt meinen Account wegen “ungewöhnlicher Aktivitäten” und der zwar freundliche aber wenig hilfreiche Berater erklärt mir, dass mein Tageslimit eigentlich viel höher liegt, aber bei “ungewöhnlichen” Aktivitäten eben dieses Schutzsystem eingreife und ich doch vorher anrufen soll, wenn ich größere Beträge bezahlen möchte.

Was ein größerer Betrag ist, vermochte er nicht zu sagen und nachdem ich als guter Kunde eben diesen Anruf tätigte und nach 30 Minuten Computerstimmen ihn nochmal fragte, was das Ganze denn soll, rief er in meinem Auftrag bei der Kundenschutzabteilung an und erkundigte sich sehr freundlich und respektvoll (um nicht zu sagen: verängstigt), ob man da denn “vielleicht womöglich eventuell” was machen könnte damit ich ohne mein Konto gesperrt zu haben auch mal etwas über 1000$ bezahlen könnte. Um die Geschichte kurz zu machen: Ich habe meine Miete am Ende mit einem Papierscheck bezahlt und würde jemand einen Amoklauf mit der Kundenbehandlung der BOA vertreten, ich würde das Argument nachvollziehen können.

Seltsame Leute

… findet man hier überall. Von harmloseren Aktivistenstudenten mit irgendwo ja sinnvollen aber recht pauschalen Statements (“Kauft euch keine neuen Sachen. Alles was ihr braucht gibt’s benutzt zu kaufen!”) bis zu richtig neben der Spur eiernden Leuten, die alle ihre eigene Marotte haben. Mein Favorit ist der Typ, der mit einem kleinen Keyboard rumsitzt, irgendwelche Tasten drückt und dazu total aggressiv rumschreit, man solle doch endlich gewaltfrei werden und harmonisch zusammenleben. Dann gibt es noch eine Menge “gewöhnlicherer” Obdachloser (hier wird’s nie wirklich kalt und dementsprechend “gut” ist hier das Leben ohne ein Dach über dem Kopf). Die Mehrzahl davon ist aber harmlos bis freundlich und im schlimmsten Falle nervig. Ist also alles halb so wild.

Donnerstag ist hier erstmal Krawall angesagt: California ist ja so gut wie Pleite, das Unibudget wurde wieder mal ziemlich geschrumpft und die Reaktion darauf ist, dass gespart wird, wo’s nur geht. Tatsächlich befindet sich die UCB gerade am Scheideweg, es ist überhaupt nicht klar ob sie ihre Forschungsexzellenz beibehalten kann oder ob das bald zuende ist. Selbst ob die UC öffentlich finanziert (und damit ansatzweise bezahlbar) bleibt, ist garnicht mehr so klar, wenn man realistisch über die Zukunft nachdenkt.

Ich werde mir die Proteste am Donnerstag auf jeden Fall anschauen und ggf. mitmachen, auch wenn ich es als relativ seltsam empfinde, dass die Protestbewegung zwar alles mögliche fordert, aber keinerlei Statement zur finanziellen Notwendigkeit irgendwelcher Einschnitte hat. Wenn man Eins und Eins zusammenzählt, ist ja irgendwie klar, dass ein bankrotter Staat keine Top-Uni aus der Tasche bezahlen kann. Klingt für mich nach nichtkonstruktiver Opposition, die vielleicht teilweise daher rührt, dass der jetzige Präsident der Uni sich wenig um die Kommunikation mit den Bewohnern des Campus schert. Trotzdem, na ja.

Pizza, FKK und Motoren

sind das letzte Thema heute. Der wichtigste Teil zuerst: Ich habe praktisch ein Auto. Gekommen ist es dazu über Carsten, der ursprünglich aus Stuttgart ist und jetzt nach 13 Monaten in China und Californien langsam wieder in Richtung Heimat trudelt. Einige Leute sind der Meinung, dass sein Auto verflucht ist:

Neben einer ungewöhnlich hohen Affinität, sich Parkstrafzettel einzuhandeln, ist es z.B. einmal mitten in der Pampa liegengeblieben und es gab wohl den kurzzeitigen Konsens, das Auto einfach zu verbrennen. Und am Morgen des Tages, an dem Carsten und ich uns zur Probefahrt treffen wollten, hat Carsten den Autoschlüssel im Mülleimer eines Thai-Restaurants verloren und anschließend eine Stunde lang den zentralen Müllcontainer durchsucht – erfolglos. Einen Tag, ein neues Paar Schlüssel und 160$ später standen wir beide dann tatsächlich vor dem Auto. Ich steige ein, stecke den Schlüssel in die Zündung, drehe – und nichts.

Einen Tag und 120$ später konnten wir dann die Probefahrt machen (sehr angenehm), doch beim in California vorgeschriebenen Smogtest kam dann raus, dass die Motordichtung kaputt ist und für voraussichtlich 300$ repariert werden muss. Das war diesen Freitag, und unglücklicherweise war das genau Carstens Abreisetag.

Jetzt ist Carsten weg, das Auto für 500$ meins und die Reparaturkosten teilen wir uns, so dass ich voraussichtlich ab Mittwoch für unter 700$ (=480€) einen schicken 1997er Nissan Sentra mit Klimaanlage und Automatik fahre. Zumindest, wenn das mit dem Fluch nicht stimmt und das Auto nach Mittwoch wirklich repariert ist. Aber ich hoffe drauf, zumindest ist der Kauf nach jeder möglichen Schätzung eine gute Investition (sagt zumindest die Werkstatt). Fotos des Prachtstücks gibt’s dann auch bald.

Nun aber zur Pizza. Carsten hat in den letzten zwei Wochen in Lothlorien Hall gewohnt. Das Loth ist eins der hiesigen Co-Ops mit vegetarischer Küche und hat das Image, die meisten Freigeister anzuziehen, und mit Carsten war ich dann auch einige Male dort. Die Leute sind noch etwas alternativer/künstlerischer/bohèmien als in den restlichen Co-Ops (ich vermute auch mal die höchste Schwulen/Transgender/Lesbenquote) und in Ermangelung der Möglichkeit, das in einem Blog-Eintrag genauer zu beleuchten, belasse ich’s mal dabei.

Die Aussicht vom Dach über die Bay ist jedenfalls phänomenal und das Baumhaus (“In Loth lebte mal dieser Typ, der gerne im Mammutbaum vor dem Haus schlief. Irgendwann fing er an, jeden Abend ein Brett auf seinem Rücken mit hochzutragen. Deshalb haben wir jetzt ein Baumhaus”) ist ziemlich cool und beherbergt meistens ein bis zwei Gäste (es ist wirklich nur ein Baumhaus, aber ein ziemlich gutes):

Im Haus selbst gibt es zahllose selbstgemalte Gemälde, die ich als Laie ziemlich gut fand. Nun aber wirklich zur Pizza (vielleicht eine zum Verständnis dieses Ortes ganz hilfreiche Sache): Kurz gesagt, gibt es jeden Freitag Pizza und wer komplett nackt ist, darf ganz nach vorne in die Schlange. Das haben dann auch ca. die Hälfte der Leute gemacht (ich hab’s mal dezent sein lassen). Wenn man drüber nachdenkt, no big deal. Aber es gibt wirklich wenige Orte, wo mir sowas nicht deplaziert vorkäme, und das ist einer davon. Und NEIN, es gibt keine Fotos. :D

Das war’s erstmal wieder von mir. Macht’s gut :)


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