Einkäufe, Muskelkater

Kosch
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Erfreulicherweise hat mich der Jetlag ganz und gar verschont. Der Flug und die Zeitverschiebung hatten mich am ersten Abend ziemlich geschafft; aber ein Bier und ein Kennenlernen der Nachbarn konnte ich dann doch nicht ausschlagen. So war ich erst um halb sechs morgens im Bett — Heimatzeit, versteht sich. Keine Chance dem alten Schlafrhythmus!
Zweitens als vorbeugend erwiesen hat sich intensive Tageslichttherapie. Faules Liegenbleiben bleibt morgens aus. Das verdanke ich, wie schon erwähnt, eher dem Straßenverkehr als meiner asketischen Selbstdisziplin (die hab ich natürlich trotzdem).

Update: Mit ersten Fotos!
Solange es hell war, bin ich die letzten Tage durch die Stadt gelaufen, denn Evan führt, wie soll es mit 26 auch anders sein, sein eigenes Leben. Das macht mich eher zu einem Mitbewohner als zu einem Gast. (Ich muss grinsen bei dem Gedanken daran, wie eine ältere und traditionellere Generation unser Gast-Gastgeber-Verhältnis empört als “unpersönlich” und “ohne gegenseitige Wertschätzung” beschreiben würde!) Ich schlafe prächtig auf einem alten Ausklappsofa in einem Zimmerchen voller Umzugskartons und werde bestimmt nicht bekocht. Wenn ich Lust und Zeit habe, kann ich mitkommen, wenn er seine Kumpels besucht. Wenn nicht, drückt er mir den Haustürschlüssel in die Hand und sagt sowas wie: »Bis heute abend … und iss nicht immer Fast Food, kauf was zu Kochen ein, musst nur ein paar Sachen abspülen in der Küche, dann ist Platz!« … das ist unkompliziert, und ich genieße (ganz buchstäblich!) das große persönliche Vertrauen zwischen Couchsurfern.
Jedenfalls bleibt mir so auch kaum ein Grund, tagsüber in seiner Wohnung zu hocken, zumal sein Internet bis gerade unter Schweinegrippe gelitten hat.

Das ganze Laufen zeitigt seinerseits wieder Müdigkeit und vor allem Muskelkater, denn Toronto ist sehr viel größer, als es auf dem Stadtplan wirkt. Die Zwischenräume einer handvoll großer Hauptstraßen (die »Neighbourhoods«) machen das Stadtbild aus, denn diese Viertel sind in sich sehr homogen — aber alle anders. Nur ein paar Meter trennen manchmal himmelhoch glitzernde Finanzhauptquartiere von winzigen Holzhäuschen. Deshalb gibt es viel zu entdecken und zu erlaufen. Ich kenne mich schon gut aus, nur nachts bin ich ziemlich verloren. Im Schachbrettmuster moderner Planstädte scheint (mir) die Orientierung zwar vorhersagbarer als in natürlich gewachsenen Orten — aber nur bis um etwa neun Uhr die Sonne versinkt, denn Sterne fehlen fast vollständig und sind deshalb zum Ablesen der Himmelsrichtung nicht zu gebrauchen.

Schöne Beobachtung auf den Streifzügen: In jedem zehnten Vorgarten findet man ausgedienten Hausrat, vom antiquierten Schulbuch bis zum Schreibtischstuhl (nicht einfach kaputter Sperrmüll). Manchmal klebt ein Post-it dran, welches zum Mitnehmen auffordert, aber meist sind die Dinge so liebevoll und demonstrativ am Straßenrand aufgereiht, dass das nicht nötig ist.

Weil das Wohnheim kein Bettzeug stellt, musste Walmart herhalten. Walmart ist Teil einer kleineren Mall, die außerhalb des Stadtkerns liegt und in akzeptabler Zeit nur mit der U-Bahn zu erreichen ist. Und geeez, ich neunzehnjähriger Schnösel hatte ja keine Ahnung was so eine Bettdecke kostet. Unter 70 Dollar für den dünnsten, labbrigen Lappen kommt man (bei Walmart) nicht weg! Also bin ich den günstigeren, amerikanischen Weg gegangen und habe neben einem Walmart-Kopfkissen ein Walmart-Bettuchset und ein Walmart-Polyester-Blanket erstanden. Letzteres geht in Europa als billige Picknickdecke durch, aber in Yarmouth hats mich schließlich auch warmgehalten :-)

Jetzt brauche ich noch: Schulsachen und ein altes Fahrrad.

Gestern bin ich mal auf gut Glück in das riesengroße Sportzentrum der Faculty of Physical Education marschiert und habe mit lässiger Geste wortlos meinen Studentenausweis vorgezeigt, so als wäre er ein Sherrifstern. (Die ganze Coolness wurde etwas kompromittiert durch die gelangweilte Antwort, ich solle einfach das Drehkreuz mit dem Kartenleseding benutzen.) Das Gebäude hat ein 50yd- und ein 25yd-Schwimmbecken, ein komplettes, nagelneues Fitnessstudio, eine Laufbahn, unzählige Basketball- und Squashhallen, Golfsimulator-Wände, und wäre ich tiefer vorgedrungen, ich hätte mich in den vielen Gängen verlaufen.

Inzwischen war ich beim International Student Centre* der Uni. Eigentlich wollte ich nur den Papierkram mit meiner Krankenversicherung erledigen, aber mindestens zehn Freiwillige haben mich gleich sehr eifrig zu allerlei Veranstaltungen und Touren eingeladen. (Eigentlich habe ich ja schlechte Erfahrung mit Internationals. Weil sie kein oder nur gebrochenes Englisch sprechen und verstehen, sind sie für Humor schon mal nicht zu haben, sondern höchstens für oberflächlichen Smalltalk. Dass die meisten aus sehr höflichen Kulturen wie China oder Japan kommen, macht die Sache nicht leichter. Und an den Deutschen (offiziell 106 an der Uni!) hab ich schon erst recht kein Interesse.) Da die Stadt alleine langsam langweilig wird, hab ich ein paar dieser Campus- und Neighbourhood-Führungen mitgemacht und mir die kommunikativsten Leute ausgesucht. Jetzt profitiere ich von der Tatsache, dass die sich alle genauso langweilen wie ich. Mit dabei sind ein paar der nämlichen Freiwilligen, ein Italiener und eine Argentinierin. (Letztere studiert nicht mal, sondern besucht hier Verwandte und langweilt sich. Ich hab sie auf dem Campus kennengelernt und sie hat sich mir einfach angeschlossen. Echt lustige Leute hier :P ) Und mit denen ziehe ich jetzt solange durch die Stadt, bis endlich die Uni anfängt und ich ins Wohnheim kann.

Update: Jetzt auch mit den ersten Fotos. Ganz simple Eindrücke von der Straße, eben das, was ich in den ersten Stunden sehen konnte. Für Mätes ein paar Aufnahmen provisorisch zu Panoramen zusammengestickt :)

*man beachte das britische Centre. Die kanadische Rechtschreibung zeichnet sich durch einen heillosen Mix amerikanischer und englischer Regeln aus, die auch häufig genug zugunsten der US-Schreibweise gebrochen werden. Aus Verzweiflung, vermutlich.


2 Kommentare zu “Einkäufe, Muskelkater”

  • tb Says:

    Mensch, bist fleißig! Danke für den neuen Bericht und die vielen interessanten Fotos. Toronto bietet ja ein bemerkenswertes Gemisch architektonischer Stilrichtungen. Aber anscheinend auch richtig gemütlichen Fleckchen für eine so große Stadt (ich habe mich bei Wiki schlau gemacht!).

    Hast Du zwischenzeitlich auch mal Deine Kochkünste in der Küche Deines Gastgebers ausprobiert oder ziehst Du es immer noch vor, beim „Goldenen M“ zu speisen?

    Wann werden eigentlich die Studentenzimmer in Deinem Wohnheim vergeben? Das Semester dürfte doch in den nächsten Tagen beginnen. Ich drück Dir die Daumen, dass Du es nicht schlechter antriffst, als Tobias und Nora. Übrigens herzlichen Glückwunsch zum Walmart-Set! Gab es nicht auch noch einen preisgünstigen Schlafanzug, um das Ensemble abzurunden? 

    Bis bald – ich freue mich schon auf Neuigkeiten!
    TB

  • Kosch Says:

    Wart bitte das erste Foto ab vom Walmart-Set. In dieser Farbe möchte man sich nicht auch noch kleiden müssen. Sogar im Dunkeln …

    Morgen ziehe ich ins Wohnheim um. Wie ich meine ganzen Koffer und Einkäufe dorthin schaffen soll, ist mir noch ein Rätsel. Aber Probleme lösen sich ja normalerweise von allein, wenn man sie nur nicht dabei stört :)

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