Chicago – Tag 3 und 4
Hallo zusammen,
Jetzt ist mein Aufenthalt in Chicago schon wieder fast vorbei. Die Koffer stehen gepackt neben mir und vor dem Fenster versuchen die Kolibris mit andauerndem Wasserkonsum die über 30°C draußen zu überstehen.
Ich hätte noch viel länger hier bleiben müssen, um der Stadt gerecht zu werden. Man kriegt Downtown wirklich Nackenschmerzen vom andauernden Rumgucken (bestimmt hat die Stadt eine große Rate an Chiropraktikern) und die Suburbs haben neben der Natur auch ihre Eigenheiten.
Aber egal, ich habe das Beste aus der Zeit gemacht, kann jederzeit wieder zurück – und habe auch vor, das zu tun.
In den letzten zwei Tagen habe ich…
- Chicagos beste Pizza gegessen,
- dort gestanden, wo die Verfolgungsjagd in Dark Knight stattfindet,
- gelernt, dass der russische Geheimdienst für den 11. September verantwortlich ist,
- Steak gegessen in Indiana,
- eine “Autotour” durch’s Ghetto gemacht und
- fast eine Prügelei zwischen Taxifahrern ausgelöst.
Aber der Reihe nach.
(Bilder gibt’s übrigens später)
Am Dienstag war ich mit Cindy im Museum of Science and Industry in Downtown Chicago, auch wenn wir erst in das falsche Museum gelaufen sind (“Ma’am, I think you’re in the wrong museum for this coupon”).
Das Museum ist kurz gesagt riesig und behandelt viele verschiedene Themen. Es gibt dort ein originales deutsches U-Boot (die U-505) aus dem zweiten Weltkrieg und viele andere interessante Sachen.
Nicht so toll fand ich den Harry-Potter-Hype, aber dem konnten wir ja elegant entgehen. Wie in deutschen Museen für die breite war es inhaltlich nicht besonders tief. Meistens guckt man sich irgendwelche Arrangements oder Bilder mit ein wenig Text an. Auch scheint es als ob die Einheimischen und Touris da wohl eher durchrennen als sich wirklich mal eingehend die Texttafeln auch anzuschauen. Vor allem was irgendwie interaktiv, mit Film o. Ä. ist ist dafür eine Schlange. Ich denke aber das ist bei uns nicht großartig anders.
Ganz nett war die “Genetik”-Sektion, wo man Küken beim Schlüpfen zuschauen kann. Schon ganz süß, wie die dann unbeholfen rumtapsen. Weniger süß ist, dass man wohl nach etwas Nachdenken darauf kommt dass die Küken etwas später auf irgendeine Weise sicher das Zeitliche segnen (mein Tipp: Schlangenfutter). Da würde das kleine Mädchen, das auch auf einem der Bilder zu sehen ist, wohl nicht mehr so fasziniert gucken. Aber sei’s drum.
Nach dem Museum hatten wir ein interessantes Taxi-Erlebnis. Wir wollten uns vom Museum aus ein Taxi zum Planetarium nehmen, und stiegen dafür in eines der Taxen vor dem Museum ein. Die Taxen stehen dort in einer langen langen Reihe (bis zum vordersten gut und gern 100 Meter).
Der Fahrer meinte wir müssten eigentlich der Etikette wegen ins vorderste Taxi einsteigen, hatte dann aber doch nichts dagegen, auf dieses ungeschriebene Gesetz einfach zu pfeifen.
Kaum war er jedoch aus dem Taxistand ausgeschert, hatten wir schon 3-4 wütende und leider auch recht muskulöse Taxifahrer an unserem Fenster, die unseren Fahrer beschimpften und schließlich dafür sorgten, dass wir wieder ausstiegen und das vorderste Taxi nahmen.
Der Taxifahrer, dessen Taxi wir ursprünglich hatten nehmen wollen, tauchte dann nachdem wir an unserem Zielort waren auf und gab uns die Schuld an allem (“Never do that again! We’re trying to make a living here. It’s easy for you but now I’ve lost my spot because of you, [...]“). War ‘ne recht interessante Erfahrung.
Die Agression kann man insofern verstehen, weil das Gehalt eines Taxifahrers wirklich nicht groß ist. Fast alle Taxifahrer sind Ausländer (unserer war Inder oder Pakistaner), und teilweise warten die 2 Stunden lang in dieser Taxireihe. Da wäre ich schon auch “ungeduldig”.
Es gehört aber meiner Meinung schon ziemlich viel finanzieller Druck für solch ein Verhalten dazu und schön ist das nicht.
Wir haben das Ganze jedenfalls am Ende unverletzt überstanden und sind ein wenig durch die Stadt spaziert, am Arts Institute (hat eine ziemlich berühmte Sammlung von Monets) vorbei zum Millenium Park.
Der ist ziemlich groß, hat teilweise naturbelassene Beete (was ich ziemlich cool finde) und grenzt an eine Open-Air-Bühne an, an der allerlei Gratis-Konzerte stattfinden. Als wir dort waren spielte grad das Symphonieorchester. Das ist eben schon ziemlich genial. Weiter gibt’s einige (wohl auch bekannte) Skulpturen und vor allem die “Bohne”.
die Bohne ist ein nierenförmig-rundliches Gebilde aus spiegelndem Metall, unter das man druntergehen kann. Innen sieht man dann ziemlich verwirrende Spiegelungen von sich. Relativ schwer zu beschreiben, aber sehr cool und auf den Fotos zu sehen.
Abends habe ich mich mit Chris getroffen, der ein alter Freund von mir ist und mittlerweile mit seiner Frau in Chicago lebt und arbeitet und mir Einiges aus der Insiderperspektive erzählen konnte. Beispielsweise wäre ich nicht auf die Idee gekommen, einfach mal in einen der Bürotürme reinzugehen. Das ist aber problemlos möglich und man findet heraus, dass diese Türme alle eine eigene Infrastruktur haben: Restaurants, Friseure, Wäschereien… man muss wirklich als Angestellter seinen Turm nur abends verlassen und kann mittags alles Mögliche im Erdgeschoss erledigen.
Allgemein laufen auf Chicagos Straßen viele “ungewöhnliche” Leute herum. Man kann in Flip-Flops und Lederhosen durch die Straßen watscheln, ohne dass man schief angeschaut wird – es ist halt alles sehr tolerant, mit allen Vor- und Nachteilen. Lustig war ein recht schräger Typ, der an einer belebten Kreuzung seine These kundtat, dass der russische Geheimdienst der Drahtzieher des 11. Septembers ist, angeblich damit die USA den Afghanistankrieg anstelle der Russen führen. Sehr überzeugend, siehe Bild.
Ein Großteil der Innenstadt ist mit einer Infrastrukturebene untertunnelt, so dass alle Lieferungen und Transporte über diese Serviceebene laufen. Konsequenterweise hört der Glanz der Stadt sofort auf, sobald man in die Hinterhöfe und Servicelevels guckt, was mich irgendwie gefreut hat. Auf den ersten Blick sieht alles nämlich einfach verboten glitzernd und sauber aus. Auf diesen “Unterebenen” wurde übrigens auch besagte Verfolgungsjagd aus “Dark Knight” gedreht.
Wenn man nah am Lake in Stadtnähe wohnt, hat man unglaubliche Sportmöglichkeiten im Sommer. Es gibt so viele Beachvolleyball, Baseball, Tennis, …-Felder, sogar eine Driving Range und einen kleinen Golfplatz. Und natürlich Sandstrand. Wir sind mit dem Fahrrad ein Stück entlang gefahren und man kriegt ungelogen absolutes Urlaubsfeeling. Die Wohnnähe zum Wasser hat aber durchaus seinen Preis und der Winter erwischt Chicago üblicherweise ziemlich hart.
Die Nacht habe ich Downtown bei Chris verbracht und am nächsten Morgen dann den Zug zu meiner Gastfamilie in die Suburbs genommen. Die Zugfahrt hat sich wirklich gelohnt, da man auf dem Weg nach draußen durch alle möglichen Wohngegenden fährt und einem die krassen Unterschiede schnell auffallen. So fährt man erst durch eine Gegend mit richtig runtergekommenen Häusern voller Schwarzer, einige Meter weiter sieht man plötzlich wieder grüne Bilderbuchhäuser mit Pickup-Truck und Staatsflagge. Dann plötzlich wieder ein Ghetto und so weiter. Die guten und die richtig schlechten Gegenden sind teilweise nur durch eine Straße getrennt und es wundert nicht, dass Chicago eine ziemlich böse Kriminalitätsrate in den Suburbs hat.
Cindy fuhr mit mir am selben Tag noch durch eine Gegend, wo Überfälle und Schusswechsel an der Tagesordnung sind und es wirklich ratsam ist, die Autotüren- und Fenster zu schließen und falls jemand aufs Auto zukommt Vollgas zu geben. Da sie Menschenrecht studiert und ziemlich engagiert ist habe ich dabei Einiges über die Situation dort erfahren können. Da ist Troisdorf-Hütte Nichts dagegen.
Mit ihr und Freunden war ich dann später wieder Downtown, um bei Lou Malmati’s Chicagos beste Pizza zu essen. Da wir früher am Tag schon nach Indiana hochgefahren sind (Illinois grenzt knapp über Chicago an Indiana) und sehr lecker in einem Steakhaus gegessen haben, hielt sich unser Hunger in Grenzen. Nachdem wir uns dann entschieden hatten, uns zusammen eine Pizza (American Style und extrem gut) zu teilen, wachte beim Essen aber der Hunger sehr schnell wieder auf und ca. 75% unserer Gruppe gingen mit mehr Hunger aus dem Restaurant heraus als herein.
Schließlich haben wir abends noch am Navy Pier (früher mal ein Navy-Hafen, heute eine Vergnügungsmeile mit Fressbuden, Riesenrad, …) das Feuerwerk angeschaut, das dort zwei oder drei mal die Woche ist und ein bisschen an eine Lite-Version von Rhein in Flammen erinnert, angeschaut.
Das letzte, was ich dann von Downtown Chicago noch gesehen habe, war der Buckingham Fountain (der von Al Bundy) bei Nacht – mit bunter Beleuchtung, Musik und der Skyline im Hintergrund. Ziemlich beeindruckend und ein würdiger letzter Eindruck der Innenstadt, die ich gleich höchstens noch aus dem Autofenster beim Weg zum Flughafen sehen werde.
Mit diesen Eindrücken möchte ich mich auch erstmal verabschieden, denn gleich geht’s los nach Berkeley – und dann habe ich keine nette Gastfamilie mehr, die mir die Eingewöhnung quasi erspart. Ich melde mich.
Machs gut!
Tobias
15. August 2009 um 5:36 pm Uhr
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