Chicago – Tag 1 und 2

Tobias
chicago-tag-1-und-2

Guten Morgen (bzw. bei euch eher guten Mittag),

gerade beginnt mein dritter Tag in Chicago.
Ich sitze mit einem Blueberry Muffin im Haus meiner Gastfamilie, es ist 6:41 – wieso auch immer ich jetzt schon wach bin – und habe endlich mal Zeit, in Ruhe etwas über meine ersten Tage hier zu schreiben.
Die Kurzversion: Alles super, könnte nicht besser sein – Fotos mit Kommentar gibt’s im Post eins drüber. Für eine lange Version klicken ;)

Sonntag / Tag 1

Der Flug war trotz etwas Verspätung unkompliziert und dank meiner “Vorbereitung” habe ich tatsächlich kein Jetlag, wenn ich auch am ersten Tag ein bisschen müde war. Meine Sitznachbarin im Flugzeug war etwas… gesprächig. Anfangs war ich – nett gesagt – etwas abgetörnt in der dunklen Vorahnung auf die folgenden neun Stunden, doch es war dann eigentlich doch sehr nett, sobald sich alles etwas eingependelt hatte. Mit einer der indischen Familien wäre ich vermutlich nicht so ins Gespräch gekommen, und diese haben fast die Gesamtheit der Passagiere ausgemacht. Und da der Steward mir anstatt Water” aus irgendeinem Grund zwei kleine Flaschen “Wodka” geben wollte, hätte ich mich ja auch heldenhaft in den Vollrausch stürzen können. Aber ich habe es gut ohne überstanden und bei der Einreise hatte ich auch überhaupt kein Problem.

In Chicago dann erstmal ein Saunaschock: über 30°C bei absolut unklar hoher Luftfeuchtigkeit. Man hat oft das Gefühl, man könnte einfach die Luft vor sich greifen und eine Kugel daraus pressen. Cindy, die das letzte Semester in Bonn verbracht hat und deren Familie mich beherbergt, holte mich mit ihrem (deutschen) Freund am Flughafen ab. Auch wenn ich Klimaanlagen absolut nicht mag, war ich doch teilweise froh, schnell in ein kühles Auto steigen zu können. Mittlerweile habe ich mich schon an den dauernden Wechsel zwischen totklimatisiert und sommerschwül gewöhnt.

Was natürlich die ersten Tage mitgeprägt hat, ist ein Beobachten von Unterschieden: Die Autos sind stets eine Nummer größer, die Straßen zwei Nummern breiter (aber dafür nie mit Fahrradweg), die Klimaanlagen allgegenwärtig und ihre Benutzung relativ undurchdacht (um es nett auszudrücken). Die gewöhnlichen Unterschiede sind also da und fallen mir auch auf, auch wenn ich das jetzt nicht mehr breittreten will ;-) Gestern war ich im hiesigen Wal-Mart und habe mich erstmal ein bisschen darüber amüsiert, dass es ohne zu Lügen 200 Sorten Zahnpasta gibt. Vermutlich ist es für neue Zahnpasten mittlerweile schwer, einen Namen zu finden (alle Kombinationen aus Dent, Clean, White, … sind ja schon weg!).

Etwas beängstigend, wenn auch erwartet, ist die Einstellung zur Medikation: Ist ja schön, dass man super unkompliziert am Supermarkt an viele Medikamente rankommt, aber bei Produkten wie “Wake-Up Call” or “Hangover Cure” (beides Mischungen aus Aspirin und Koffein/Taurin) fragt man sich doch. Und auch wenn Firmen riesige Werbungen an Highways schalten, die im Prinzip sinngemäß sagen “Wir geben JEDEM Kredit” fragt man sich schon, ob so etwas nicht womöglich Probleme erzeugt, die nicht gänzlich unerwartet sein können.

Meine Gastfamilie lebt in einem Vorort im Süden von Chicago in einem der Häuser, die man aus den Filmen kennt: ordentlicher Vorgarten mit Flagge, zwei Garagen und unter den drei Autos findet sich auch ein Pickup (sogar mit aufgedruckter Flagge).
Was ich nicht erwartet hatte, ist dass der Vorort schon so weit außerhalb liegt, dass er wirklich wirklich sehr grün ist und dementsprechend viele Tierchen anzutreffen sind, wie z.B. Eichhörnchen (die Grauen, sind aber trotzdem süß), Hasen und besonders Vögel. Die Familie hat viel übrig für ihre Gartenbewohner und befüllt regelmäßig die 6-7 (!) Futterstationen im Garten für den jeweiligen Vogeltyp. So ist es im Garten immer ziemlich bunt, weil von Gelbfink über Specht bis zum roten Kardinal alles dabei ist. Es ist wirklich wie ein Zoo hier. Nachts kommen wohl auch Rehe und leider auch manchmal Koyoten, aber bisher war’s ruhig. Die meisten von euch wissen ja, dass ich ein bisschen naturgeil bin, und sagen wir’s so: Das dauernde Schielen in den Garten ist echt ablenkend ;-)

Besonderes Highlight dabei sind für mich die Kolibris. Auch die werden speziell gefüttert und man kann sich daher auf die Lauer legen und beobachten (der Vater kann aber sogar einfach hingehen und sich die aus der Nähe betrachten. Bei mir sind sie relativ scheu). Unglaublich, wie schnell und wendig die Dinger sind. Wenn man durchs Haus geht, fallen einem neben den vielen Uhren (unter anderem auch einer großen Kuckucksuhr) auch prompt die zig Bilder, Statuen, … von Kolibris auf.

Am ersten Tag, Sonntag, wurden direkt Gewitterstürme angekündigt. Während mich so eine Nachricht in Deutschland eigentlich immer freut, weil ich Gewitter ja schon ganz cool finde, kann sowas hier ziemlich gefährlich sein. Cindy erzählte mir, dass sich auch schonmal ein Tornado durch den Garten gepflügt hat und die Familie schon Stunden im Keller sitzen musste bei manchen Stürmen. Lustige Story am Rande: Einmal ist wohl ein Hund von einem Tornado aus dem Garten gehoben und sechs Blocks weiter in einem anderen Garten – bis auf Gleichgewichtsprobleme unverletzt – gelandet. Vermutlich wird aber das Meiste, was von einem Tornado erwischt wird, einfach zertrümmert. Aber ich schweife ab…

Trotz der Warnungen sind wir dann doch in Richtung Downtown aufgebrochen und haben uns die Skyline am Ufer angeschaut. Chicago liegt ja am Lake Michigan und man hat einen tollen Blick auf die Stadt von der Küste aus, kurz gesagt einfach beeindruckend. Das bezieht sich jetzt aber nur auf das Downtown am See, heute wird mir Chicago-Chris (der übrigens sein Blog sträflich vernachlässigt) bestimmt nochmal ein anderes Chicago zeigen. Was das Wetter angeht, hatten wir übrigens extremes Glück. Trotz toller Gewitterwolken am Himmel kein Tropfen Regen sondern sogar noch eine kühle Brise und anfangs wunderschöner Nebel am Lake. Die Stadt hat mir echt den bestmöglichen Empfang bereitet, in allen Belangen. Zusätzlich war der letzte Tag des Lollapalooza-Festivals, das eine schöne Soundkulisse beschert hat. Ich bin mir sicher, einige der Fotos, die ich da gemacht habe, hänge ich mir auf Leinwand in mein Zimmer, wenn ich zurück komme.

Auf der Heimfahrt fielen mir die Motorradfahrer auf, die einfach mal ohne Schutzkleidung und Helm mit 70 Meilen und ohne Sicherheitsabstand mit ihren gepimpten Maschinen auf den Hauptverkehrsadern bei Dunkelheit unterwegs sind. Dafür würde man in Deutschland direkt gekreuzigt (mit gutem Grund wie ich finde). Und allgemein beschert mir das Rechts-Überholen noch kleinere Adrenalinschübe. Generell sind die Straßen hier aber natürlich viel breiter. So Späße wie in Bonn, wo man manchmal gucken muss, ob man genug Platz hat, gibt’s da grundsätzlich nicht.
Nach dem Abend setzte meine Müdigkeit dann auch ein und ich konnte wunderbar schlafen… :)

Montag / Tag 2

Für heute hatte Cindy in Kenntnis meiner Vorliebe für die Natur (und um zu beweisen, dass Illinois eben auch etwas Natur hat!) einen Trip zum Starved Rock State Park am Illinois River ca. 90 Minuten Fahrt entfernt geplant, wo es durch Gletscher entstandene Sandsteincanyons (nicht wie im Grand Canyon, aber trotzdem schick!) gibt.

Der Name Starved Rock kommt von einer Legende, nach der in einem Krieg zwischen verfeindeten Indianerstämmen, die in dem Gebiet lange gelebt haben, eine Gruppe Krieger auf einem Felsberg (der dann heute Starved Rock heißt) belagert wurde und dort verhungerte. Auch heute findet man wohl immer wieder mal Pfeilspitzen der früheren Bewohner des Gebiets. Weiter gibt’s dort saisonabhängig auch die Weißkopfseeadler (Das Wappentier der USA), von denen wir gestern leider keinen richtig gesehen haben. Der Trip war sehr schön. Ich muss im Laufe dieses Jahres auf jeden Fall viele Parks abklappern :)

Ich weiß jetzt übrigens auch offiziell, welches Insekt mein Erzfeind der Tierwelt ist: Die Horseshoe Fly. Das ist im Prinzip eine Bremse, nur aus unerfindlichen Gründen gefühlte tausend Mal so groß und sehr sehr geil darauf, auf einem zu landen um einen zu beißen. Diese Viecher haben mich dazu gebracht, das erste mal richtig zu fluchen (“What the FUCK is that thing”). Am Ende bin ich aber bissfrei geblieben.

Heute ist Museum und Erkundung von Downtown Chicago angesagt. Ich poste vor meinem Weiterflug nach Oakland bestimmt nochmal.
Die Fotos gibt’s ein Posting höher :)

Grüße in die Heimat! Was geht bei euch?
Tobias


3 Kommentare zu “Chicago – Tag 1 und 2”

  • zusel Says:

    Von mir und stellvertretend auch von meinen P0k3r-WG-Mitbewohnern liebe Grüße nach Chicago, auch wenn ich mich gerade gar nicht in der WG befinde. Wir hatten eigentlich auch schon deinen ersten Eintrag kommentieren wollen (vielen Dank natürlich für die Grüße :-) ), aber leider war das ungesicherte WLAN, mit dem wir ins Netz gegangen sind sehr instabil…

    Ich hoffe, dass du auch wenn das Semester beginnt noch die Zeit findest so ausführliche Berichte zu verfassen, anderenfalls wäre ich menschlich enttäuscht.

  • Rike Says:

    Klingt traumhaft! Und auch ich freue mich auf weitere Berichte!

    Lustig wie einiges einem doch ziemlich aehnlich auffaellt… ;)

  • Kosch Says:

    Du schreibst genial :)

    Übrigens, “Hangover Cure” (und ne Nase Ephedrin) nimmt man nicht nach der Party, sondern davor, um präventiv alle Schmerz- und Ermüdungsrezeptoren lahmzulegen! Ja, die Amis wissen noch wie man richtig feiert ;-)

Hinterlasse einen Kommentar